Wer den Beitrag über Oda Nobunaga gelesen hat, erinnert sich wahrscheinlich, dass der Mörder Nobunagas, Akechi Mitsuhide, am Ende von Hideyoshi geschlagen und bestraft wurde. Wer war jener Mann, dem es gelang, vom einfachen Bediensteten zum erfolgreichsten Feldherrn der Oda und später zum Herrscher über fast ganz Japan zu werden?

Toyotomi Hideyoshi wurde im Jahre 1536 in einem Dorf der Provinz Owari geboren. Sein Vater war Ashigaru (Fußsoldat) im Dienste des Oda-Clans. Er bestellte in Friedenszeiten als Bauer seine Felder und bei Bedarf (und den gab es oft) zog er mit in den Krieg. Nachdem sein Vater gestorben war, verließ Hideyoshi im Alter von 15 Jahren sein Elternhaus, um seiner Mutter nicht zur Last zu fallen. Zwei Jahre lang hielt er sich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser bis er als Küchenjunge in die Dienste von Oda Nobunaga treten konnte. Durch Tatkraft, Geschicklichkeit und Eifer bei der Pflichterfüllung konnte er sich in den nächsten Jahren über verschieden Dienststellungen in Nobunagas Burg emporarbeiten, so dass er mit zwanzig Jahren schon zum engeren Kreis seines Fürsten gehörte. Da er sich auch auf den vielen Schlachtfeldern der damaligen Zeit auszeichnete, wurde er mit immer bedeutenderen aufgaben betraut. 1562 kämpfte Nobunaga gegen den Clan der Saito, welcher die Provinz Mino beherrschte. Um das strategische Übergewicht zu erhalten, befahl er Hideyoshi an der Grenze zu Mino eine Burg zu errichten. Diese sollte an einem Ort namens Sunomata stehen. An dieser Stelle waren schon drei Generäle an derselben Aufgabe gescheitert, da die Saito jedes Mal die Arbeiter und das sie beschützende Heer vernichteten. Doch Dank seiner Willenskraft und der Fähigkeit, andere zu motivieren, gelang Hideyoshi das Unmögliche: seine Armee wehrte alle Angriffe erfolgreich ab, bis die Burg Sunomata gebaut und uneinnehmbar geworden war. (Die Legende besagt, dass der Bau der Burg nur eine Nacht gedauert habe, doch das gehört sicher in den Bereich der Fabel.)

hideyoshi2Seine Kühnheit und seine teilweise ungewöhnliche Kampfweise Iießen ihn von Erfolg zu Erfolg eilen. So gelang ihm bei der Belagerung der Festung Kameyama der erste Sieg in der Samuraigeschichte durch Unterminierung der Festungsmauern. Die Burg Takamatsu eroberte er dadurch, dass er einen Fluss umleiten ließ, bis die in einer Ebene liegende Festung unter Wasser stand.

1582 wurde Nobunaga, dem Hideyoshi bis zuletzt treu gedient hatte, ermordet. Nach dem Tode Nobunagas versammelten sich seine wichtigsten Vasallen, um über die Nachfolge zu entscheiden. Ein junger Enkel wurde zum Erben bestimmt und vier hohe Gefolgsleute übernahmen die Vormundschaft. Einer davon war Hideyoshi, Zwei Jahre später hatte er die drei anderen Vormunde ausgeschaltet, die Hauptstadt Kyoto erobert und in Osaka eine eindrucksvolle Burg erbaut, die er zu seinem neuen Hauptquartier machte. (Diese Burg ist übrigens heute noch zu besichtigen.) 1584 kämpfte Toyotomi Hideyoshi in der Schlacht von Nagakute gegen Tokugawa leyasu. Nachdem diese Begegnung nach einem recht blutigen Verlauf unentschieden ausgegangen war, erkannten beide, wie wertvoll der jeweilige Gegner als Verbündeter war. Es hatte keinen Sinn gegeneinander zu kämpfen. Zusammen dagegen waren sie in der Lage, das Reich zu erobern. Im Jahre 1585 hatte Hideyoshi Bündnisse mit Tokugawa leyasu und Uesugi Kenshin geschlossen und sich der Gefolgschaft aller früheren Vasallen Nobunagas, einschließlich der Mitglieder des Oda-Clans versichert. Sein Ansehen stieg noch, als er vom Kaiser den Titel eines „Kampaku“ – eines kaiserlichen Regenten – erhielt.

 

Jetzt war er soweit, Oda Nobunagas Werk der Einigung Japans fortzusetzen. Dabei sah er sich sechs großen Daimyo-Verbänden gegenüber, die von den Hojo, Takeda, Chosokabe, Otomo, Ryuzoji und den Shimazu geführt wurden. Hideyoshi begann mit den Chosokabe. Im Jahre 1585 schickte er ein Heer von 280.000 Mann nach Kyushu und vernichtete die Otomo und Ryuzoji. Der Clan der Shimazu unterwarf sich daraufhin freiwillig. 1590 war Hideyoshi stark genug, um seinen mächtigsten Gegner, die Hojo von Odawara anzugreifen. Er marschierte mit 200.000 Kriegern in die Kanto-Ebene (Großraum um das heutige Tokyo), verwüstete die Besitzungen der Hojo und begann mit der Belagerung der Burg Odawara, die zwei Monate später kapitulierte. Daraufhin sicherten ihm die restlichen unabhängigen Daimyo ihre Loyalität zu. Die militärische Einigung Japans war nun vollkommen, und alle Territorien gehörten entweder Hideyoshi oder seinen Vasallen.

Da im Lande jetzt mehr oder weniger Frieden herrschte, brauchten die riesigen Heere eine neue Beschäftigung, so dass Hideyoshi 1592 versuchte, mit 150.000 Mann Korea zu erobern. Dieses Unternehmen endete allerdings nach anfänglichen Erfolgen nicht besonders glücklich. Im Jahre 1596 wurde ein zweiter Versuch unternommen, der aber 1598 abgebrochen wurde, als Hideyoshi starb und als Erben nur einen unmündigen Sohn hinterließ. Die Invasion in Korea ist in der japanischen Geschichte einmalig; zu keiner anderen Zeit haben Samurai versucht, ein fremdes nichtjapanisches Land zu erobern.

Da Hideyoshi nicht von adliger Herkunft war, konnte er den Titel eines Shogun nicht für sich beanspruchen. Um aber seine Machtposition nicht zu gefährden und einen solchen Aufstieg unwiederholbar zu machen, zwang er die Samurai, in den Städten zu wohnen, wo sie unter Kontrolle waren. Wer in den Dörfern blieb, wurde entwaffnet und durfte nur noch seine Felder bebauen. Die Entwaffnung zielte darauf ab, dass nur noch die Samurai berechtigt waren, Waffen zu tragen. Um dies zu gewährleisten wurde 1590 eine so genannte „Große Schwertjagd“ (katana-gari) abgehalten. Außerdem erließ Hideyoshi ein Edikt, das ein Wechseln der Stände verbot. Die Krieger durften nicht in die Dörfer zurück, die Bauern mussten auf ihrer Scholle bleiben und durften weder ein Handwerk betreiben noch handeln, und den Samurai war es untersagt, ihren Herrn zu wechseln. Damit war die Basis für die spätere Durchsetzung eines Gesellschaftssystems gelegt, das die Bevölkerung in die vier Klassen der Samurai, Bauern, Handwerker und Händler einteilte, die alle einen gesonderten gesetzlichen Status erhielten.

 
Hideyoshi bei der Belagerung der Burg Odawara, 1590. Hinter ihm steht sein Feldzeichen, das aus stilisierten Flaschenkürbissen bestand. Für jeden Sieg fügte er einen weiteren Kürbis hinzu, so das es auch als „Tausen-Kürbis-Standarte“ bekannt war.
Hideyoshi bei der Belagerung der Burg
Odawara, 1590.
Hinter ihm steht sein Feldzeichen, das aus
stilisierten Flaschenkürbissen bestand.
Für jeden Sieg fügte er einen weiteren Kürbis
hinzu, so das es auch als
„Tausen-Kürbis-Standarte“ bekannt war.

Toyotomi Hideyoshi leistete aber nicht nur auf militärischem Gebiet hervor- ragendes. Ab dem Jahr 1585 begann er, das ganze Land neu vermessen zu lassen. Dazu führte er eine neue Flächeneinheit ein, die von der bisher benutzten verschieden war. Dadurch zwang er das gesamte Volk, seinen Grundbesitz neu festsetzen zu lassen. Eigentumsrechte auf das Land wurden somit ganz neu gefasst und geschlossen auf die Person des Daimyo übertragen. Außerdem konnte damit das neue Besteuerungssystem (Koku-da) durchgesetzt werden. Die Steuern wurden danach berechnet, wie groß der Reisertrag der Felder war (ein koku Reis = ca. 180 Liter). Dieses System blieb bis in das Jahr 1872 in Gebrauch.