Yamaguchi Gogen (1909 -1989) - Die Katze

gogen2Yamaguchi Gogen verkörpert gewissermaßen Budo-Geschichte, denn er war "der" Meister des Goju-Ryu-Karate. Sensei Yamaguchi (10.Dan) verstarb 1989 im Alter von 81 Jahren. Hinter ihm lag ein Leben, das durch eine enorme Schaffenskraft geprägt war und fast ausschließlich im Dienste seiner Budo-Kunst, dem Goju-Ryu Karate, gestanden hatte. Ein Leben, dessen wichtigste Stationen wir hier nachzeichnen wollen.

Yamaguchi Gogen wurde am 20.01.1909 in Kagoshima als unter dem Namen Yamaguchi Yoshimi geboren. Insgesamt hatte die Yamaguchi-Familie, welche ein recht bescheidenes Dasein führte, 10 Kinder, davon sechs Jungen und vier Mädchen. Von seinen in der japanischen Tradition fest verwurzelten Eltern wurde der junge Yoshimi im traditionellen Sinne erzogen, wozu auch der regelmäßige Gang zum Ganshin-Tempel zählte. Die erste Begegnung mit dem Budo hatte er als Schüler der 2. Klasse. Er begann, wie viele japanische Großmeister, nicht direkt mit dem Karate, sondern übte erst Judo und Kendo. In der Jigu-Schule, in der er den Schwertmeister Toshika Kirino als Lehrer hatte, erlernte er außerdem die Fechtkunst.

Erste Kontakte mit dem Karate erhielt der spätere Großmeister über Sensei Maruta einen übergesiedelten Zimmermann aus Okinawa, welcher ihn in die Kunst des Karate einwies. Karate wurde zu dieser Zeit fast ausschließlich geheim geübt. So trainierte Yamaguchi am Tag Kendo und nachts Karate. Nach der Schule ging Yamaguchi Yoshimi nach Kyoto und schrieb sich an der Ritsumeikan-Universität ein, welche für ihren Kampfkunstunterricht bekannt war. Da dort aber kein Karate unterrichtet wurde, begann er mit dem heute allen bekannten Sumo.

1931 ließ sich Yamaguchi in Tokyo nieder, wo er Meister Chojun Miyagi kennenlernte, dessen Schüler er wurde. Miyagi gilt als der Begründer des heute weltweit verbreiteten Goju-Ryu-Karate. Es war das erste Karate-System, das als eigener Stil angeschaut werden konnte. Das Go bedeute hart (von den Techniken des Naha-te), das Ju bedeutet weich (vom chinesischen Einfluß). Das Fundament des Goju-Ryu besteht aus den zwei Kihon Kata Sanchin und Tensho. Sanchin ist typisch "Go", alle Muskeln sind gespannt und hart. Tensho dagegen ist mehr "Ju" und steht für die innere Kraft, aus der die Bewegungen kommen. Die Kombination von Go und Ju ist sehr wichtig. Wenn der Gegner mit Go angreift, begegne ihm mit "Ju". Wenn der Gegner dir mit "Ju" gegenübertritt, bekämpfe ihn mit Go. In jeder Hinsicht versuchte Yamaguchi von Shihan Miyagi zu lernen. Als Yamaguchi von seinem Lehrmeister zu dessen Nachfolger ernannt wurde, erhielt er von diesem den Namen "Gogen", was soviel bedeutet wie "das Tor zum Goju-Ryu". Eine Prophezeiung und Bürde, welche Yamaguchi Gogen verwirklichen konnte. Aufgrund seiner Geschmeidigkeit und etlicher anderer herausragender Fähigkeiten bekam er in späteren Jahren den Beinamen "die Katze".

Auch wenn Yamaguchi die von seinem Lehrer Miyagi gegründete Goju-Ryu-Organisation übernahm, blieb dieser selbst über den Tod hinaus sein Meister. Das erste von Yamaguchi gegründete Goju-Ryu-Dojo hatte seine Heimat in den Stadtmauern von Kyoto. Zu jener Zeit wurde das Karate in Japan nur in den Formen Kata und als Yakusoku-Kumite (abgesprochenes Kumite) unterrichtet. Yamaguchi Gogen war einer der ersten, der die Kumite-Form des Jiyu-Kumite (Freikampf) unterrichtete. Viele der Regeln, die er damals diesbezüglich einführte, haben auch heute noch Gültigkeit.

 

Nachdem ihn Großmeister Miyagi auf seinen Weg geschickt hatte, verspürte Gogen den unbändigen Wunsch, auch im Geist so zu werden wie sein Lehrer, dessen Haupteigenschaft die völlige Ausgeglichenheit war. So fing Yamaguchi an, auf dem Berg Kuramazu trainieren, wobei er sich alles abverlangte. So stellte er sich unter Wasserfälle, deren Druck so groß war, dass er beim geringsten Nachlassen der Konzentration unter ihnen begraben worden wäre. In vielfachen Übungen der Kata "Sanchin" versuchte er, mit Atemübungen Körper und Geist zu vereinen. Er entsagte allen Erleichterungen oder gar Vergnügungen. Manchmal glaubte er, nicht durchhalten zu können, und er war nahe daran, den Berg zu verlassen und in die Stadt zu gehen. Deshalb rasierte er sich die Augenbrauen ab, denn so entstellt konnte er sich nicht unter Menschen sehen lassen.

gogen1Während des Krieges Japans in der Mandschurei, an dem Yamaguchi aktiv teilnahm, geriet er in Gefangenschaft und blieb dort einige Jahre. Unter Todesandrohungen wollte man geheime Informationen von ihm bekommen. Gogen aber sagte: "Weil ich die Informationen, die ihr haben wollt, nicht kenne, kann ich trotz der Todesandrohung nicht antworten. Samurai lügen niemals. Wenn ihr mir nicht glaubt, so erschießt mich - ich bin bereit." Er schloß die Augen und wartete. Vor seinem geistigen Auge tauchte der Berg Kurama auf. Mit verschlossenen Augen saß er einfach nur da, wie er oftmals auch auf dem Berg gesessen und meditiert hatte. Völlig in sich selbst ruhend "atmete er den Berg" und wurde dabei selbst einer. Plötzlich tippte ihm sein Befrager auf die Schulter und sagte: "Herr Yamaguchi, Ihre Verhaltensweise war großartig, Sie sind ein wahrer Samurai!"

Zurück in Japan, wurde er 1939 von der japanischen Regierung erneut in die Mandschurei geschickt. Den 2. Weltkrieg erlebte Yamaguchi als Soldat der Kwangtung-Armee an der Grenze der Mandschurei zur Sowjetunion. Er geriet 1945 in die Gefangenschaft der Roten Armee. Das russische Arbeitslager war hart und manche Tage wurden zur Ewigkeit. Doch endlich, im November des Jahres 1947, konnte er zurück in die Heimat nach Japan.

Nach seiner Rückkehr widmete sich Yamaguchi sehr intensiv dem Studium des Shinto, des Zen und des Yoga, die von da an von seinen Karateübungen nicht mehr wegzudenken waren. Nach dem 2. Weltkrieg reorganisierte er seinen Verband und nannte ihn Karate-Do Goju-kai. Im Jahre 1950, als die Zentralschule des Goju-kai nach Tokio verlegt wurde, steigerte sich die Popularität dieses Stils gewaltig. Mittlerweile gibt es Goju-Ryu-Organisationen weltweit.

Noch mit über 80 Jahren stand Yamaguchi Gogen, was die Tradition betraf, wie ein Fels in der Brandung. Er starb im am 20. Mai 1989 Alter von 81 Jahren in Japan.

Yamaguchi Gogen im Training mit seinem Sohn Goshi
Yamaguchi Gogen im Training
mit seinem Sohn Goshi

Sensei Yamaguchi hatte drei Söhne (Gosei, Gosen und Goshi) und zwei Töchter (Gyokku und Wakako), welche ebenfalls Karateunterricht bekamen und heute alle Karateka von hohem Niveau sind. Goshi, der jüngste der drei Söhne, steht heute der von seinem Vater gegründeten Organisation vor und leitet das Honbu-Dojo. Gosei (8.Dan) ist heute Chefausbilder der selben Organisation in den USA.