Die Geheimnisse des Zen

Echten Zen, so wird gesagt, findet man heute nur noch in wenigen Klöstern in Japan. Um bis in diese Klöster zu gelangen, musste der Zen-Buddhismus einen langen geschichtlichen Weg gehen. Die Legende berichtet, dass der Inder Bodhidharma acht Jahre in einer Höhle mit dem Gesicht zur Wand meditierte, bis er beschloss, nach China zu wandern, um seine Sicht der Dinge an einen geeigneten Patriarchen weiterzugeben. Dies schien so ungewöhnlich zu sein, dass nach einer weiteren Legende sogar der chinesische Kaiser dorthin kam und sich mit der Frage an Bodhidharma wandte, welche die höchste heilige Wahrheit wäre und wer er sei. Doch der antwortete wie ein scheinbar schlechter Schüler mit. „Ich weiß es nicht“. Der Kaiser konnte seine Überraschung und Enttäuschung kaum verbergen.

Die indischen Buddhisten waren der Auffassung, dass man erst dann das Universum und sich verstehen würde, wenn man die vielen Sutren gelesen und über zahllose Stufen der Erkenntnis und Übung in vielen Jahren eine geistige Verfassung erreicht hätte, die den erstrebten heiligen Zustand der Seele erlauben würde. Das war nun gar nicht nach dem praktischen Geschmack der Chinesen, die es als erwiesen ansahen, dass man blitzartig und sprunghaft in Form eines „Aha-Effektes“ das eigene Ich in diesen Zustand bringen konnte. Danach würde man die Welt mit anderen Augen sehen. Da es sehr verlockend erschien, in kurzer Zeit die Vollkommenheit zu erreichen, scharrten sich viele Mönche um die chinesischen Zen-Meister, um sie im Alltag zu erleben und um ihnen Fragen nach dem Weg zum höchsten Ziel zu stellen. Von genau diesen Fragen sind in einer Niederschrift 100 Beispiele mit Kommentaren überliefert.

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Der Zen-Buddhismus wurde auch in Japan zu einer einflussreichen Geisteskultur entwickelt. Einige der fürstlichen Herrscher und viele Samurai übten sich im Zen. Sie waren der Meinung, dass er ihnen im täglichen Leben und im Kampf ums Überleben Vorteile verschaffte. Das ist leicht gesagt. Natürlich habe ich ein Beispiel aus der Sammlung herausgesucht, um zu zeigen, was ich meine. Vorher möge man sich nur fragen: Was denkt einer, der kämpfen muss? Abwarten? Sofort zuschlagen? Weglaufen? Also hier das Beispiel:

Ein Mönch fragte den Zen-Meister Dung-schan: „Wenn Kälte oder Hitze kommt, wie weicht man ihnen aus?“ Dung-schan erwiderte: „Warum wendest du dich nicht einem Ort zu, an dem es keine Kälte oder Hitze gibt?“ Der Mönch fragte: „Was ist das für ein Ort, an dem es keine Kälte oder Hitze gibt?“ Dung-schan antwortete: „Das ist der Ort, wo, wenn es kalt ist, dich die Kälte umbringt, und wo, wenn es warm ist, dich die Hitze umbringt.“

Natürlich hätte der Mönch schon bei der ersten Antwort verstehen müssen, dass nur er selbst der Ort sein kann, an dem es keine Kälte oder Hitze gibt, obwohl er sie dennoch fühlen würde, wie die zweite Antwort sagt. Ebenso kennt der Samurai seine Angst, aber er ist zugleich auch der Ort, an dem sie verschwindet. Diese innere Leere, bei der die Gegensätze verschwinden, war für die Zen-Meister ebenso wie für viele Samurai der Ausgangspunkt für ihre Reaktion auf alles, was ihnen entgegenkam. Sie fühlten sich weder schwach noch stark, sondern nur offen für alles, denn weder die Schwäche noch die Stärke behinderte sie, auf das zu reagieren, was da kam. Diese Leere und Offenheit übten sie täglich. Dazu sei noch eine Geschichte aus den Büchlein „Zen“ von Zenkei Shibayama erzählt:

 

Bokuden Tsukahara, einer der größten Schwertmeister des alten Japan, hatte drei Söhne. Alle drei hatten ihres Vaters große Begabung geerbt und beherrschten die Kunst des Schwertfechtens. Gegen Ende seines Lebens wollte Bokuden die Fähigkeit seiner Söhne prüfen. Dafür befestigte er über der Tür seines Zimmers ein Kissen, das herunterfallen musste, wenn jemand hereinkam. Er rief zuerst seinen jüngsten Sohn. Der sprang wie ein Blitz zurück, als das Kissen herunter fiel, zog sein Schwert und schnitt das Kissen in der Luft durch. Dem zweiten Sohn fiel das Kissen auf den Kopf, doch er hielt es mit seinen Händen fest. Der älteste Sohn spürte intuitiv das Kissen über der Tür und nahm es mit der Hand herunter. Bokuden machte nun seinem jüngsten Sohn bittere Vorwürfe, er solle sich schämen, so erregt gewesen zu sein. Dem zweiten Sohn riet er zu weiterer Übung. Dem ältesten Sohn aber offenbarte er freudig, dass er würdig sei, seine Nachfolge anzutreten.

Shibayama spricht davon, dass von den harten Bemühungen keine Spuren zurückbleiben dürfen. Dieser Zustand der Reinheit und der Harmonie mit der Umgebung erst verdiene die höchste Achtung. Daher lehrt auch schon das alte chinesische Buch „Die Kunst des Krieges“ von Sun Tsu: „Eine militärische Streitmacht hat keine feststehende Form. Wer fähig ist zu siegen, indem er sich dem Gegner entsprechend wandelt und anpasst, verdient es, ein Genie genannt zu werden. Jeder sagt, ein Sieg in der Schlacht sei gut. Aber er ist nicht wirklich gut. In alten Zeiten waren diejenigen als geschickte Krieger bekannt, die siegten, solange der Sieg leicht zu erringen war.“ Jeder wahre Sieg sieht daher sehr leicht und schnell aus und diejenigen, die sagen, das könne doch jeder, wissen nicht, wie es ist, diesen leichten Sieg zu erringen.

Alle diese Erklärungen nutzen jedoch nicht viel. Die Zen-Meister haben stets betont, dass man Worten nicht vertrauen darf. Dennoch unterließen sie es nicht, Worte selbst zu verwenden, um ihren Schülern zum Verständnis zu verhelfen. Dazu dienten ihnen das Frage-Antwort-Gespräch, japanisch Mondo genannt, und die Meditationsaufgabe, das Koan. Beide Formen kommen auch in den Beispielen der "Niederschrift zur Smaragden Felswand" vor. Für denjenigen, der sich an die Worte klammert, kreisen sie immer um einen unauflöslichen Widerspruch. Sobald die Einsicht in das Wesen der Sache da ist, bedarf es nur noch der ständigen praktischen Übung. Denn es kommt darauf an, je nach Erfordernis die eigenen Fesseln auf seinem Weg abzulegen. Eines der bekanntesten Koan lautet:

„Beschreibe den Ton, den eine einzelne Hand macht, wenn sie klatscht!“

So, jetzt habt Ihr für die nächsten Jahre etwas zu knobeln, denn mit logischem Denken lässt sich diese Aufgabe nicht lösen. Viel Spaß also auf dem Weg zu Satori (Erleuchtung).

„Buddha mit dem Sonnengesicht,   Buddha mit dem Mondgesicht.“ Letzte Worte des todkranken Zen-Meister Ma, was soviel bedeutet wie: Der eine lebt über tausend Jahre, der andere nur einen Tag und eine Nacht, trotzdem gibt es keinen Unterschied.
„Buddha mit dem Sonnengesicht, Buddha mit dem Mondgesicht.“
Letzte Worte des todkranken Zen-Meister Ma, was soviel bedeutet wie: Der eine lebt über tausend Jahre, der andere nur einen Tag und eine Nacht, trotzdem gibt es keinen Unterschied.