Mokuso

- Ein Augenblick der Stille -

Ein Waka, ein Gedicht des japanischen Zen-Meisters Shido Bunan, beginnt mit den Worten: "Stirb, während du lebst, und sei vollkommen tot."

Das Karate-Do Training beginnt traditionell mit Seiza und Mokuso, einem Ritual, das nicht nur eine körperliche Ausführung verlangt. Das Zeichen "Moku" bedeutet "nichts sagen" und das Zeichen "So" hat unter seinen vielen Bedeutungen auch die, "sich in tiefe Gedanken versenken". Alles zusammen heißt dann etwa: "sich schweigend in tiefe Gedanken versenken". Wozu soll man sich aber gerade zu Beginn des Trainings tiefe Gedanken machen? Und worüber?

Die Antwort liegt wie so oft in der Tradition des Zen-Buddhismus. Die Mönche müssen sich in Zazen üben, einer Meditationsform, die im Hocksitz und mit geschlossenen Augen betrieben wird. Während einer besonderen Schulungsperiode, die eine Woche lang andauert, dürfen sie in der Nacht nur eine Stunde schlafen, ohne sich dabei hinzulegen. Sie müssen sich in einem Zustand der "Nicht-Existenz" befinden, wo es keinen Boden unter ihnen, keinen Raum um sie herum und auch kein eigenes Selbst gibt, das den Sitz einnimmt. Für viele Mönche ist dies eine der schwierigsten Übungen, denn sie ist mit einem quälenden Gefühl des Eingesperrtseins verbunden. Der Anstoß, sich dieser Peinigung aus freiem Willen zu unterziehen, wird durch die Hoffnung getragen, nach den Übungen zu einem neuen Leben zu erwachen und völlige Freiheit im Geiste zu erlangen. Zazen ist daher eine der wirksamsten Methoden zur Reinigung des Geistes und zur Erreichung des Satori (Erleuchtung). Es ist das wichtigste Übungsmittel der sogenannten Soto-Schule im Zen-Buddhismus (im Gegensatz zur Rinzai-Schule, die den Koan (esotherische Rätsel, die durch Erfahrung gelößt werden müssen) in den Vordergrund rückt).

 

Heinrich Dumoulin beschrieb die Methode des Zazen im Buch "Zen. Geschichte und Gestalt" von 1959 so: "Mit dem Hocksitz befindet sich der Körper in jener lockeren Gespanntheit, in der Sinne und Geist wach bleiben und doch zur völligen Ruhe gelöst sind... Der Atem, die tragende Lebenstätigkeit im Organismus, ist die Grundlage für alle Ruhe und Bewegung des Körpers und Geistes... Das Ziel der Atemregulierung ist beim Zazen nicht die Ausschaltung des Bewusstseins, sondern eine völlig beruhigte Gleichgewichtslage des Organismus."

Bewegungslos mit geschlossenen Augen zu sitzen, heißt nicht träumen oder schlafen, sondern das Bewusstsein soll die Tiefe, das Meer des Geistes und zugleich die Heimat und das Zentrum unseres eigentlichen Wesens erreichen, das eine Hand breit unter den Nabel liegt. Im Zazen darf der Geist nicht von der Unruhe der Oberfläche gestört werden, er muss tief hinab unter die Welle seiner Gedanken tauchen. Vielleicht rufen derartige esoterische Beschreibungen bei manchen ein Schmunzeln hervor, doch erst nach langem Üben stellt sich ein Gespür dafür ein, was wirklich gemeint ist. Mokuso bedeutet also eine Abkehr von dem, was stört, und eine ruhige Hinwendung und bewegungslose Konzentration auf das eigene Wesen, das den Weg des Karate beschreiten soll. Wer das eigene Wesen nicht findet, bleibt nur Körper ohne Geist und kann nicht wirklich kämpfen, wenn es notwendig ist. Wie diese Versenkung in sich selbst aufzufassen ist, hat Hui-neng, ein chinesischer Zen-Meister, vor einigen hundert Jahren schon erklärt:

"Inmitten von allem Gut-und-Böse entsteht kein Gedanke im Bewusstsein. Dies heißt Za. Die Schau in die eigene Selbst-Natur ohne irgendeine Bewegung wird Zen genannt."

Das versuche man beim nächsten Mokuso einmal für einen kurzen Moment zu üben.